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Das Handbuch zur Geschichte Südosteuropas

Das Handbuch

Mehr als 2000 Jahre Geschichte – 85 Autoren (Stand: Oktober 2015) – 11 Bandherausgeber – 6 Bände – 3 Themenblöcke – 2 zeitliche Schwerpunkte – 1 europäische Großregion

Während das öffentliche Interesse an Südosteuropa außerhalb der Region in den letzten Jahrzehnten regelmäßigen aktualitätsbezogenen Schwankungen unterworfen war, hat die internationale Forschung zu diesem politisch, wirtschaftlich und ethnisch überaus heterogenen Teil Europas große Fortschritte erzielt. Dabei wurde dessen historische Bedeutung für die mit ihm vielfach verflochtenen europäischen Nachbarregionen wie auch des östlichen Mittelmeerraums evident. Zudem wiesen Forscher auf zahlreiche Spezifika hin; zugleich legte man zahlreiche Prozesse offen, die ebenso im gesamteuropäischen Kontext zu beobachten wären. Dabei ist zu unterstreichen, dass derartiges in der bisherigen Forschung – in der bzw. über die Region – bislang meist ebenso wenig herausgearbeitet wie umgekehrt der europäische Südosten bei Darstellungen einer vermeintlich „gesamteuropäischen“ Perspektive berücksichtigt worden ist.
Südosteuropa war und ist demnach nicht „einmalig“, doch von besonderer Prägung und Bedeutung. Pointiert ließe sich gar formulieren, dass es das Ebenbild einer „europäischen Geschichte“ im Kleinen darstellt. Bereits der Blick auf die verschiedenen Kulturräume oder die zahlreichen auf engstem Raum existierenden religiösen Ausprägungen – Katholizismus, Orthodoxie, Islam, Judentum bis hin zum Protestantismus – verdeutlicht dies. So lässt der im Handbuch vorgenommene gebündelte Blick auf über 2000 Jahre südosteuropäischer Geschichte nicht nur Bekanntes strukturieren, sondern er ermöglicht uns auch neue Einblicke in Pfadabhängigkeiten, langfristigste Entwicklungsstrukturen, mentalitätsbezogene Eigenheiten oder die Ausgestaltung individueller wie staatlicher Aktionsräume.

Zum Untersuchungsgebiet

Der Südosteuropabegriff ist in vielfacher Hinsicht zuerst ein Hilfsbegriff. Dies umso mehr, da die Zuordnung historischer Regionaleinheiten und Kulturlandschaften im Falle Südosteuropas üblicherweise in den einzelnen Wissenschaftsdisziplinen heftige Kontroversen hervorruft. Diese Problematik gilt noch viel mehr für den Balkanbegriff. In Reaktion darauf wird der Begriff „Südosteuropa“ in diesem Handbuchprojekt pragmatisch und entlang der jeweiligen Themen flexibel gehandhabt. Der Fokus richtet sich dabei in der Regel auf den „Kernraum“, der aus der Region südlich von Save und Donau (dem Balkanraum) zuzüglich der heute rumänischen Gebiete und Kroatiens besteht. Zeit- und themenabhängig erfährt dieser Kernraum aufgrund seiner starken politischen, kulturellen und ökonomischen Verzahnungen mit den benachbarten Kulturlandschaften mitunter bedeutende Ausdehnungen. Dies bezieht sich in besonderer Weise auf ungarische Bezüge, wenn sie in den Süden ausgestrahlt haben. Aber auch relevante Entwicklungen in Anatolien bzw. der Türkei sind davon betroffen, sofern dort im historischen Ablauf für Südosteuropa wegweisende politische, kulturelle oder wirtschaftliche Entwicklungen zu beobachten sind.

Zum Untersuchungszeitraum

Die epochale Ausweitung der Perspektive – in Abgrenzung zum dominierenden Muster, wonach die Geschichte Südosteuropas mit dem Frühmittelalter einsetzt – bis hin zur römischen Kaiserzeit ermöglicht ein gleich mehrfaches innovatives Herangehen. Einerseits erweitert eine solche Streckung des Untersuchungszeitraums die Möglichkeit zum Imperienvergleich, andererseits lässt dieses ungewohnt große zeitliche Fenster auch sonst neue Betrachtungshorizonte zu Phänomenen der longue durée zu. An dieser Stelle sei zudem auf die besondere Bedeutung der Achsenzeit um 1800 hingewiesen, die für alle Bände eine Orientierungsfunktion hat. Damit einher geht die Verwendung zweier potentiell strittiger Begriffe – „Vormoderne“ (bis 1800) und „Moderne“ (ab 1800) –, deren Brauchbarkeit für jeden Band gesondert zu untersuchen sein wird. Die Ausdehnung des Untersuchungszeitraums bis nahe an die Gegenwart erlaubt wiederum eine historisierende Erfassung noch der nach 1989 erfolgten Umwälzungen und Transformationsprozesse.

Thematische Schwerpunkte

Die sechs Bände zielen in der Summe auf eine umfassende Gesellschaftsgeschichte ab und widmen sich dem in den drei Themenblöcken:

I. Herrschaft und Politik
Band 1: Herrschaft und Politik in Südosteuropa bis 1800
Band 2: Staatlichkeit und Politik in Südosteuropa nach 1800 

II. Sprache und Kultur
Band 3: Sprache und Kultur in Südosteuropa bis 1800
Band 4: Sprache und Kultur in Südosteuropa nach 1800
 

III. Wirtschaft und Gesellschaft
Band 5: Wirtschaft und Gesellschaft in Südosteuropa bis 1800
Band 6: Wirtschaft und Gesellschaft in Südosteuropa nach 1800


Der Schwerpunkt der ersten beiden Bände liegt auf der politischen Geschichte und den
Südosteuropa prägenden Herrschaftsstrukturen und -beziehungen, im internationalen wie
innergesellschaftlichen Kontext. Damit eng verbunden sind Fragen nach strukturellen Herrschaftsaspekten und -praktiken sowie nach den Auswirkungen imperialer oder (national)staatlicher Herrschaft für die Bevölkerungen der Region und ihr kulturelles Gefüge. Die Themensetzung zielt auf die grundlegenden Aspekte des Funktionierens, des Wandels und der sozialen Dynamik von politischem Leben in den südosteuropäischen Ordnungssystemen, von der Institutionalisierung von Rechtssystemen bis zu den zahlreichen, oft durch Kriege verursachten Brüchen staatlicher Ordnung. Mit Blick auf die Zeitgeschichte und Gegenwart stehen jene Umbrüche und Pfadabhängigkeiten im Zentrum, die für die Entwicklung Südosteuropas und seiner Gesellschaften auch heute noch von entscheidender Bedeutung sind.

Das ebenso weitgespannte wie wichtige Themenfeld „Sprache und Kultur“ steht im Fokus der nachfolgenden Bände drei und vier. Hier sollen verschiedene kulturwissenschaftliche Ansätze zu dem ethnokulturell so heterogenen Südosteuropa vereint werden. Nicht allein Aspekte der vielfältigen Sprachgeschichten sind zu berücksichtigen, sondern etwa auch die in der Region vorhandenen mannigfaltigen Ausprägungen an schriftlicher, mündlicher wie materieller Kultur, von „Volkskultur“ und „Hochkultur“ mitsamt den darstellenden Künsten. Ebenso eingebunden werden die kulturgeschichtlichen Dimensionen religiöser Zugehörigkeit, wobei auch deren in Südosteuropa besonders ausgeprägte kulturelle Dynamiken dargestellt werden.

 

Die Bände fünf und sechs widmen sich den zwischen „Wirtschaft und Gesellschaft“ geltenden Verflechtungen. Im Fokus stehen die Wirtschafts- und Sozialgeschichte des ländlichen Raumes, die städtischen Lebenswelten, die Entwicklung von Verkehrswegen, Handel und der intra- und transregionale Austausch, der sich seit der Antike beobachten lässt. Die relativ späten „Modernisierungs-“ und Industrialisierungsbemühungen des 19. und 20. Jahrhunderts, die in Südosteuropa wirkenden Globalisierungsprozesse spielen eine wesentliche Rolle, will man die heute noch vorhandenen innergesellschaftlichen und innereuropäischen Disparitäten verstehen. Der Blick gilt dabei wiederum der Landwirtschaft und dem städtischen Raum, aber auch der Entwicklung des Finanz- und Bankwesens und den entsprechenden demographischen Strukturen, Migrationsbewegungen, Lebensformen und Geschlechterbeziehungen.

Das Handbuch als „Schnittstelle“ der Südosteuropaforschung - Text

Schon dieser kurze Streifzug durch die Bandbreite an Themen und thematischen Verschränkungen, die das Handbuch zur Geschichte Südosteuropas aufgreift, lässt erahnen, dass ein solch ambitioniertes Vorhaben einzig durch die intensive Einbindung ausgewiesener in- und ausländischer Wissenschaftler verschiedenster Fachdisziplinen zu realisieren ist. Mit Stand Anfang Oktober 2015 hat sich eine internationale Autorenschaft, bestehend aus 85 Beiträgern, zur Mitwirkung bereit erklärt.
 
Die konzeptionelle Betreuung und Anleitung der großen Unternehmung wird durch die Reihenherausgeber Prof. Dr. Ulf Brunnbauer, Dr. Konrad Clewing (beide IOS) und Prof. Dr. Oliver J. Schmitt (Universität Wien) und von den zusätzlichen Herausgebern einzelner Bände gewährleistet:
Prof. Dr. Marie-Janine Calic (Ludwig-Maximilians-Universität München)
Prof. Dr. Hannes Grandits (Humboldt-Universität Berlin)
Prof. Dr. Markus Koller (Ruhr-Universität Bochum)
Prof. Dr. Fritz Mitthof (Universität Wien)
Prof. Dr. Walter Puchner (Universität Athen)
Prof. Dr. Klaus Roth (Ludwig-Maximilians-Universität München)
Prof. Dr. Christian Voß (Humboldt-Universität Berlin)
Prof. Dr. Ioannis Zelepos (Ludwig-Maximilians-Universität München)

Für die Koordination und Redaktion verantwortlich ist Dr. Edvin Pezo (IOS).